Schinderhannes - WOLFENHAUSEN

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

HISTORIE

Schinderhannes in Wolfenhausen (in Arbeit)


Der Schinderhannes  

Prof. Dr. Ernst Erich Metzner

Wolfenhausen in der Halb-Weltgeschichte

Die Gefangennahme des Schinderhannes am 31. Mai 1802 und die Folgen in
zeitgenössischen Darstellungen

Wolfenhausen, die Wolfenhausener wissen es längst, hat sich auf eigene, unschuldige Weise einen bleibenden Platz, wenn nicht in der Weltgeschichte, so doch in der Halbwelt-Chronik Deutschlands erworben, und nicht viel fehlte, und es wäre damit auch in die bis heute unüberhörbar wahrgenommene schöngeistige Literatur geraten und so endgültig und in alle Ewigkeit auch außerhalb bekannt und berühmt geworden. Der Name dieses scheinbar so abgelegenen Hintertaunusdorfs ist jedenfalls draußen im Lande geläufiger als man meinen möchte - aufgrund einer einzigen, aber für die Betroffenen entscheidenden zufälligen Begebenheit; sie hat dem kleinen Ort auf dem kurzen, wilden Lebensweg einer der berühmtesten und berüchtigsten, der volkstümlichsten und umstrittensten deutschen Heldengestalten, solcher, wie sie im Buche stehen und in die Bücher kommen, eine besondere Rolle zugewiesen: Gemeint ist natürlich der sagenhafte jugendliche Räuberhauptmann Schinderhannes, der inzwischen, am 21. November 1993 seit hundertneunzig Jahren tot, aber offenbar nicht totzukriegen ist; gemeint ist die Schinderhannesbiographie mit jenem - durch die Festnahme des landauf, landab rechts und links des Rheins steckbrieflich Gesuchten bei Wolfenhausen - fatalen Knick in der Lebenskurve des Hannes Bückler, dieses faszinierenden räuberischen Verbrechers oder rebellischen Volkshelden aus einer, wie man sagen muß, längst vergangenen, aber eigentlich doch unfernen und gut bezeugten, überaus wichtigen Geschichtsepoche, in der die Kräfte und Gedanken der französischen Revolution mit denen der alten feudalen Regimes in Deutschland und Frankreich und dem eines neuen, eines napoleonischen Despotismus stritten. Die Gefühlswelt und Denkweise ist für die Heutigen sicherlich so schwer nachzuvollziehen, wie es scheinbar leicht ist, die vielen überlieferten Daten zu einem fesselnden Zeitgemälde mit allem Anschein der Authentizität zusammenzufügen.
Und gerade im Fall des Schinderhannes steht die Geschichtswissenschaft, und so auch der Lokalhistoriker, vor einem fast unlösbaren Problem: Sie und er müssen nämlich einen dauernden, irritierenden Widerstreit auflösen: Auf der einen Seite begegnet man dankbar einer reichen und scheinbar unanfechtbaren offiziellen oder quasi-offiziellen aktenmäßigen Dokumentation, die, gehörig vorgestellt, wie bei ihrer Entstehung in den Jahren 1802/03 immer noch den Leuten hierzulande zum Leidwesen tief dunkel grundierte Schinderhannes-Bild, das eher Abscheu als Anhänglichkeit verursacht, hervorzubringen imstande ist. Und auf der anderen Seite steht die kaum mehr in ihren tatsächlichen Ursachen erforschbare unergründliche Sympathie des Volkes und der oftmals trivialen volkstümlichen Überlieferungen zwischen der Mosel und dem Main, zwischen der Lahn und dem Oberrhein schon zu Lebzeiten und bis heute. Nur zu oft allerdings gibt sie gerade in der Frühzeit ein genaueres Wissen vor, das in die Irre führt, aber je näher man zusieht, desto deutlicher wird der Eindruck, daß die volkstümliche Zuneigung sich zumindest in dem einen nicht irrt: nämlich, daß es sich bei dem Schinderhannes um eine ganz ungewöhnlich anziehende jugendliche Gestalt mit der Aura des zerstörbaren Lebendigen gehandelt hat, die dazu geschaffen war, als der „verteufelte Bursche volkstümlicher Wunschträume“ (C. Zuckmayer) in dem beharrlichen Gedächtnis, eher der armen und einfachen Leute als der Abgehobenen weiterzuleben; daß er durch Zuckmayers Volksstück der Zwanziger Jahre in die dramatische Dichtung nicht nur der Mittelrheinlande um Taunus und Hunsrück eingekonnte, ist ein Glücksfall, und man sollte den sich nicht durch moderne krittelnde Kleingeistigkeit aus der Welt schaffen lassen.



Jedenfalls: Der gemeine, halbstarke, vulgäre Räuber, als der der Abdecker-/Schindersohn Johannes Bückler, Schinderhannes, von Geburt an Außenseiter der Gesellschaft, vom französischen Sondergericht im französisch besetzten Mainz des Jahres 1803 zusammen mit neunzehn Mitgefangenen seiner Bande mit dem Tod auf der Guillotine abgestraft und für die Ewigkeit abqualifiziert werden sollte, dieser Hingerichtete lebt im kollektiven Gedächtnis ganz anders und noch positiver weiter als seine Richter es wollten, die aus Angst vor jedwedem Widerstand gegen die Staatsgewalt, der die neubürgerliche Besitzstandswahrung in Frage stellen und zum nationalen Aufruhr werden konnte, das Mittel der moralischen Diffamierung benutzen zu müssen meinten. Noch allenthalben begegnet so Schinderhannes als Gegenstand eines trotz aller Aufklärung von damals auffällig beständigen, wenn auch immer weniger genauen Erinnerung.
Das führt bis heute dazu, daß immer wieder auch kritische, dem Anspruch nach aufklärerische Autoren, Journalisten und Wissenschaftler sich gewissermaßen provund motiviert fühlen, gerade in Zeiten der Wende, und sie spekulieren dabei doch zugleich auf das andauernde, tiefverwurzelte allgemeine Interesse des Volks, das man gleichzeitig in Frage stellt. Gerade in dem letzten Jahrzehnt seit 1983 hat so die schriftstellerische und verlegerische Bemühung nicht geruht. Ins Jahr 1983 fielen gleich zwei motivierende Schinderhannes-Jubiläen: Da war einmal ein runder, aber wahrscheinlich falscher zweihundertster Jahrestag im Gespräch, der, der angeblich erst relativ späten Geburt 1783 in Miehlen im Taunus, die Forschung ist inzwischen allerdings wie der Schinderhannes selbst überzeugt, daß er im Jahr seines Todes 1803 doch schon etwas älter (und reifer), schon etwas über zwanzig Jahre alt war. Und da gab es eben 1983 den nicht zu bezweifelnden hundertachtzigsten Jahrestag der spektakulären öffentlichen Hinrichtung in Mainz, und Ende 1993 sind es eben ein Jahre seit diesem gewaltsamen frühen Ende des volkstümlichen Helden, dem im Gefängnis von seiner Geliebten Julchen Blasius noch ein Sohn geboren wurde, Anlaß zu geradezu biedermeierlich geschönten Porträts der „Familie“ im Angesicht des Todes.
So ist es nicht verwunderlich, daß - etwas verspätet - im Jahre 1984 eine besonders ausführliche, anziehend geschriebene und illustrierte Schinderhannes-Biographie von M. Franke (418 S.) erschien (Schinderhannes. Das kurze, wilde Leben des Johannes Bückler, neu erzählt nach alten Protokollen, Briefen und Zeitungsberichten), im Gefolge seiner eigenen Dissertation von 1958 über „Der Schinderhannes in der deutschen Volksüberlieferung“ und auf einer kürzeren kommentierenden Veröffentvon 1977 im aufklärerischen Wagenbach-Verlag zum Schinderhannes-Kapitel im zweiten Band der zeitgenössischen, noch vor Schinderhannes‘ Tod erschienenen „Kriminalgeschichte voller Abenteuer und Wunder und doch streng der Wahrheit getreu“ von 1801/02. Im Jahr darauf, 1985, erschien dann auch das ähnlich aufgegut recherchierte und lokalhistorisch orientierte Buch von A. Jung,Schinderhannes und das Räuberunwesen in unserer Heimat, in Limburginzwischen in der zweiten Auflage 1988, wo gerade den Geschehnissen im Taunus und um Wolfenhausen sorgfältige Aufmerksamkeit gewidmet ist (s. bes. S. 71ff.). Im Jahr 1983 folgte als kürzere Aufarbeitung der neueren Forschung u. a. mit einer wertvollen erneuten Veröffentlichung der Verhörsprotokolle des Gerichts in Mainz von H. Mathy: „Der Schinderhannes zwischen Mutmaßungen und Erkenntnis“, und schließlich ist hier noch zu nennen der einschlägige Beitrag in Band 2 (1991) des dreibändigen Werks „Die deutschen Räuberbanden“. Die Wiedergabe des Schinderhannes-Teils in der „Actenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins, von B. Becher, Sicherheits-Beamter des Bezirks von Simmern. Cöln 1804“.
Die Veröffentlichungen des letzten Jahrzehnts, die sich erneut der Aktenlage oder der offiziellen Darstellung oder aber trivialen Ausschlachtungen kommentierend annehstehen als Produkte einer nachrevolutionären Epoche interessanterweise im Gefolge einer noch lange nicht beendeten Auseinandersetzung mit dem in gewisser Weise nationalromantisch-revolutionären positiven dichterischen Schinderhannesder Weimarer Zeit (u. a. auch Clara Viebig: Unter dem Freiheitsbaum, 1922), wie es vor allem durch das wirkungsvolle Buch des Zuckmayer-Freundes C. Elwenspoek (Schinderhannes. Der rheinische Rebell. 1925, überarbeitet 1953: Schinderhannes, Ein rheinischer Rebell) und vor allem durch C. Zuckmayers überaus erfolgreiches Mundartstück „Schinderhannes“ dieser Zeit geschaffen wurde; nicht zu vergessen ist auch ein früher Stummfilm aus kommunistischer Produktion. Nicht zufällig hat man, nach einer ersten kennzeichnenden Unterbrechung der positiven literarischen Rezepim Nationalsozialismus, erst nach dem zweiten Weltkrieg spät und zeitgemäß abgehoben, auf Viebigs, Elwenspoeks und Zuckmayers volksnahe Perspektiven reagiert, so in Dr. E. Nackens polemischem, griffig formuliertem Band: Räuber oder Rebell? Schinderhannes - wie er wirklich war (1961).
Der authentische Schinderhannes tritt den zeitgenössischen Autoren nach 1945 interessanterweise wie vorher schon in der autoritätsgläubigen deutschen Kaiserzeit vor allem in den ausführlichen staatlichen Sondergerichtsakten und bei ihren ordnungszeitgenössischen offiziösen Ausschlachtern entgegen; und deren im wahrsten Sinne des Worts vernichtendes Urteil wird eindeutig der entschuldigende, verharmlosende, verständnisvolle Standpunkt der breiten zeitgenössischen Volksmeinung links und rechts vom Mittelrhein vorgezogen, der sich aber schon der veröffentlichten Meinung etwa der zensurabhängigen Zeitungsberichte über den Prozeß von 1803 aus Mainz je länger je mehr in vorsichtigen Formulierungen nicht entziehen konnte und wollte. Die Überlieferungslage zur frühen Schinderhannesrezeption bzw. zur Mentalitätsgeschichte des Rheinlandes um 1800 gibt also genau besehen doch dem Trend der gegenwärtigen Beurteiler nicht so viel recht, wie die Aktenlage glauben machen will, und so erscheint es alles in allem kaum zufällig, daß Frankes großes jüngeres Buch viel weniger als seine früheren auf die zeitgenössischen Zeitungsbedenn auf die Gerichtsakten eingeht. Es kann nicht angehen, im Rahmen dieses lokalhistorischen Textes die gesamte Schinderhannes-Geschichte darzustellen oder kritisch zu hinterfragen. Was einleitend geleistet werden sollte, war, auf die prinzipielle Problematik der jeweils parteiischen Textaussagen über die Verhaftung des Schinderim Jahre 1803 hinzuweisen, die es nun auszugsweise zu zitieren gilt, wobei natürlich der Vorarbeit von Veröffentlichungen wie der A. Jungs dankbar zu gedenken ist.



Zuerst sei eine Frankfurter Zeitung aus dem rechtsrheinischen (Rest-)Gebiet des deutschen Reichs vor 1802 mit dem berühmten Kupfer über den Abtransport des Schinderhannes von Frankfurt nach dem französischen Mainz, nach seiner Gebei Wolfenhausen bzw. in Limburg, abgedruckt, wobei natürlich besonauf die positiven Elemente dieser nichtoffiziellen Darstellung zu verweisen ist und natürlich besonders der „Wahre Bericht von der Gefangennahme des Schinderhannes und schwarzen Jonas“ (Mathy, S. 60) interessiert; darin ist allerdings der Ort der Gefangennahme Wolfenhausen nicht mit Namen genannt, sondern nur als Ort im „Runkelischen“ erwähnt, wo er den „Markt“ als Krämer besuchen wollte und sich Jacob Schweikard genannt habe; daß es sich um Wolfenhausen handelt, zeigen die folgenTexte (zitiert nach Mathy, Der Schinderhannes, Mainz 1984, S. 58 - 61)

Authentische Beschreibung dererjenigen Personen, welche am 16. Jun. nach Mainz abgeliefert wurden.

1) JOHANNES BIKELER, genannt SCHINDERHANNES, 23 Jahr alt, aus Mühlen bey Nasstädten gebürtig, ist der Sohn eines dermalen zu Kirschweiler, Cantons Oberstein, wohnenden Bauersmannes. Er selbst diente vormals bey einem Scharfrichter als Knecht, wurde daselbst aber wegen mehrerer Schaafs=Diebstähle vor ohngefehr 5 Jahren arretiret und nach Kirn gebracht, allwo er sich selbst aus dem Arreste befreyte. Hierauf lernte er 2 Pursche kennen, mit denen er mehrere Pferds=Diebstähle verübte, und deswegen aufs neue arretirt und nach Saarbrücken transportirt wurde. Nachdem er nun allda abermals aus dem Gefängniß ausgebrochen, so gerieth er unter eine förmliche Räuberbande, welche vorzüglich auf dem linken Rheinufer die Gegend von Mainz bis Loblenz, durch Straßenräubereyen und Einbrüche, in Furcht und Schrecken setzte. Von seiner Bande wurde er der SCHINDERHANNES genannt, unter welchem Namen er auch allgemein bekannt war, ist aber auf dem linken Rheinufer als ein Jäger, unter dem angenommenen Namen, JACOB OFENLOCH, umher gezogen; auf dem rechten Rheinufer aber handelt er, mitBeibehaltung desangenommenen Namens, mit kurzer Waare, und führte ein Wägelchen mit einem Pferd, bis er endlich im Runkelischen als ein verdächtiger Pursche arretirt wurde, aber, um der gerichtlichen Untersuchung zu entgehen, sich unter die Kaiserlichen engagiren ließ, und den Namen JACOB SCHWEIKARD sich beilegte. Seine Beischläferin, JULIANA BIELSIUßEN, ist ein Mädchen von ca 18 Jahren. (Man sehe die Figur No.3 auf dem Kupferstiche, wo sie des schwarzen Jonas halbjähriges Mädchen auf dem Schoose sitzend hat.
0) CHRISTIANREINHARD, mitdemBeynamen, derSCHWARZEJONAS, ist27Jahr alt, angeblich aus Berlin gebürtig, will der Sohn eines preußischen Soldaten seyn, und hat zum Schein mit Porzellain gehandelt, aber mit dem Schinderhannes viele Strassenräubereyen und Diebstähle begangen, istauch schon öfters und noch voriges Jahr zu Assenheim in dem Rödelheimischen aus dem Gefängniß gebrochen. Seine Frau Catharina, eine gebohme Eberhardin, 26 Jahr alt, gehört ebenfalls zu einer Diebsbande, welche unter dem Namen SCHOTTENFELLER bekannt sind, und vorzüglich auf Messen und Märkten ihre Diebsstreiche ausführen. (Man sehe die Figur No. 4. auf dem Kupferstiche.)
5) WILHELM POLLET, auch PETER BOK, gemeiniglich aber der SCHWARZEPETER genannt, ist 23 Jahr alt, will seinen Geburtsort nicht wissen, indem seine Mutter, ohne Wohnort, beständig mitihm herum gezogen und gebettelt - hatmehrere Einbrüche und Diestähle begangen, und war schon zu einer 10jährigen Kettenstrafe verurtheilt, aber nachher aus dem Gefängnis ausgebrochen.
6) MATTHES WEBER, gemeiniglich darum FEZELER genannt, weil er alles zusamhaut und bricht, ist 26 Jahr alt und aus Grefrat bey Veslo gebürtig; hat ebenfalls mehrere Einbrüche und Diebstähle begangen, auch seine eigene Frau ermordet, hat sich aber durchgehauen, ehe er arretirt werden konnte. - Dieser und der vorhergehensassen schon eine geraume Zeit in dem Hochfürstl. Hessen-Nassaufischen Amts-Orte Bergen, von wo sie den 15. Jun. nach Frankfurt überliefert wurden.
7) AMSCHEL RIEDEBURA, einzu Rödelheim seßhafterJude, 47Jahralt, Diebsheeler und Abnehmer der gestohlenen Sachen.
Wahrer Bericht von der Gefangennehmung des Schinderhannes und schwarzen Jonas, nebst Weiber und Kinder.
Nachdem der berüchtigte Schinderhannes mit seiner Bande eine geraume Zeit durch Strassenräubereyen, Einbrüche und Diebstähle das linke Rheinufer beunruhiget, jedoch durch die äusserst zweckmäßigen Vorkehrungen der Justiz dergestalt in die Enge getrieben worden, daß er sich genöthiget gesehen hat, dasselbe zu verlassen, so hatz war auch auf dieser Seite des Rheins in mehreren Ländern und Ortschaften die öffentliche Sicherheit durch seine fortgesetzte ruchlose Lebensart sehr zu leiden angefangen, bis endlich derselbe vor einigen Wochen im Runkelischen, auf einem Ort, wo er den Markt als Krämer besuchen wollte, und sich Jacob Schweikard genannt hatte, angehalten, und, weil er sich nicht hinlänglich legitimiren konnte, nebst seiner Beyschläferin verhaftet wurde. Um aber einer weiläuftigen gerichtlichen Untersuchung zu entgehen, durch welche er befürchten mußte, in seiner wahren Gestalt zu erscheienthob er sich, wie erglaubte, am besten dadurch der Gefahr, endecktzu werden, wenn er sich als Soldat anwerben ließ; daher er, seinem Verlangen gemäß, an das zu Limburg an der Lahn befindliche Kais. Werb=Commando, bey welchem sich fast zu gleicherZeit einerder vorzüglichsten seiner Diebsgehülfen, der unterdem Namen des scharzen Jonas berüchtigt war, zum Soldatendienst unter einem andern Namen gemeldet hatte, abgegeben, und mit jenem in das Kaiserl. Werbhaus nach Frankfurt transportirt wurde. Indessen wurden Beide verrathen, und nachdem auch den Jacob Schweikard eingestanden, daß er eigentlich Johannes Bikeler heiße, und der sogeSchinderhannes würklich - der andere hingegen sein Diebsgehülfe und der sogenannte schwarze Jonas sey- auch die vorhandenen Signalements damit vollkomübereinstimmten, so wurden Beide auf diesseitige Requisition den 11. Jun. Abends 6 Uhr an die hiesigen Standtgerichte ausgeliefert, wo sich dann durch die sogleich unterm 14. und 15. Jun. vorgenommenen Verhöre nur noch genauer bestä­tigte, daß Beide der Schinderhannes und schwarze Jonas seyen. Und weil schon vorher mehrere Requisitionen von dem linken Rheinufer dahier eingelaufen waren, welche wegen älterer Vergehungen den Schinderhannes und seine Gehülfen auf den Betretungsfall reklamirten, solche auch jetzt erneuert wurden, so sind verflossenen Mittwoch den 16. Junius frühe um halb 4 Uhr sämmtliche Arrestanten auf einem Wagen, wie vorstehendes Kupferzeigt, nacher Mainz abgeführet worden. Ein starkes Commando Frankfurter Soldaten mit einem Officier marschirten vor, neben und hinter dem Wagen; ein Officier nebst 6 Gemeinen von den französischen Gensdarmes schlossen den Zug, und so gieng es fort bis auf die Grenze der Stadt, allwo sie die Churfürstl. Mainische Truppen übernahmen und bis nach Cassel an die Rheinbrücke transportirten. Nach 11 Uhrkamen siedaselbstan; einegroße Völksmenge waraufder Rheinbrücke und den Straßen, wo sie durchgeführet wurden, versammelt, um den berüchtigten Räuberanführer zu sehen. Nach seiner Aussage in Mainz soll ihn der BruderseinerBeyschläferin beydem Kaiserl. Werb=Commandozu Limburg verrathen haben.




Wie ein Jüngling von solchem Alter schon zu solchen Unthaten reif werden kann, ist doch wohl immer eigener Beherzigung werth. Vernunft und Erfahrung sprichtlaut dafür. es wird kein Bösewichtgebohren; er wird es erst in der menschlichen Gesellschaft. Und doch ist die Menschheit nicht bös, sondern die Menschen. Ein Kind wird von einer barbarischen Mutter ausgesetzt. Räuber finden es, erziehen es für ihr schändliches Handwerk - und es wird gewiß ein Räuber. Der nemliche Fündling geräth einem rechtschaffenen Prediger - wie ein Knabe vor einigen Wochen dem biedern B. - in die Hände; er nimmt ihn an Kindes Statt an, erzieht ihn vernünftig und für die Religion, und er wird ein nüzlicher Bürger des Staats werden. So viel aus dem vorherigen kurzen Abriß des Lebens des sogenannten Schinderhannes erhellet, und so wie seine Aufmerksamkeit und Gewandheit seit Jahren es darlegt, so kam er mit nicht gemeinen Anlagen auf die Welt. Er hätte eben so gut für Menschen- und Vaterlandsrecht streiten können, als daß er gewaltthätig geraubt hat. Und daß er hier raubte, und dort wieder wohlthat, beweißt immer noch, daß keine gemeine Seele in ihn wohnte. Ja, wir schaudern über solche Beispiele. Aber wir beben nicht zurück über die elende Erziehung, besonders auf dem Lande; über den erbärmlichen Schulunterricht, den hin und wieder die Dorfjugend erhält, über den Menschenhaß, der ihr sogar mit der Religion eingepflanzt wird; spotten oder zanken wohl, wenn ein freimüthiger Mann es wagt, bessere Einrichtungen zu treffen, und Herrscher setzen sogar ihr Leben aufs Spiel, wenn sie die Macht ihrer Reiche nur mit einer wohlthätigen Morgendämmerung erhellen wollen.
Der Unglückliche, von welchem diese Blätter sprechen, ward früh gegen Menschen gereizt, die die häusliche Wohlfahrt seines väterlichen Hauses betrügerisch zertrümWär es nicht eine edle Rache gewesen, hätt‘ er die Beträger im jugendlichen Eifer auf der Stelle dafür strafen können? Aber jetzt ward sein Gefühl misgeleitet. Eine ganze Nation, über die er vielleicht mehr als einmal das Verdammungsurtheil hatte aussprechen hören, ward ihm verhaßt, so wie es noch manche wohlbehaltene, fast nicht ungebildete Männer giebt, die jener Nation nur einen Hals wünschen, damit sie mit einem Hieb solche vertilgen könnten. Und dennoch kam kein Mordgedanke in seine Seele; dennoch begnügte ersich nurdamit, daß erbei GelegenheitEinzelne beraubte, und das Geraubte wieder verschenkte, oder Bedrängten damit aufhalf, um nur seinen Muth an jenen Einzelnen kühlen, und so, wie er glaubte, die älteren Beleidigungen, obgleich an Schuldlosen, ahnden zu können.
Ob er nach einer genaueren Untersuchung, die erst bevorstehet, nach den Gesetzen der Nation, welcher er überliefert ist, wird bluten müssen, muß die Zeit lehren. Aber das wäre zu wünschen, daß nach überhingegangenem Schwindel des Unglaubens, ein redlicher und gewissenhafter Lehrer der wieder neu aufgelebten Religion die Geseines Lebens studiren und dem Publikum vorlegen mögte. So würde es sich wahrscheinlich ergeben, daß die Verbrecher nicht unsern Haß, sondern unser Mitleiverdiene; so wie ja die Religion im Allgemeinen von uns fordert. „nie den Sünder, aber immer die „Sünde zu hassen!“

Als nächstes sei aus dem oben genannten Schinderhannes-Kapitel der von M. Franke bekanntgemachten Kriminalgeschichte von 1801/1802 zitiert; die sehr geringe Zuverässigkeit deutet sich dadurch an, daß der Held durchgängig als „Vichler“, nicht als „Bückler“ bezeichnet wird. In der Manier des Trivialromans ist die Gefangennahme als Resultat eines Familienkonflikts dargestellt - nichts davon ist durch die verläßlichen Zeugen verbürg von der Verhaftung bei Wolfenhausen bzw. in Limburg ist keine Rede. Alle Elemente des volkstümlichen Schinderhannes-Bilds vom „edlen Räuber“ sind bereitsvorhanden, ohne daß man, wie gesagt, jeweils im Einzelnen auf den Wahrheitsgehalt bauen oder ihn grundsätzlich bezweifeln darf (zit. nach Schinderhannes, Kriminalgeschichte. Berlin 1977 u. ö., S. 70 Mitte - S. 71 (Mitte), S. 74 (Mittelteil), S. 75 (Mittelteil), S. 75 (unten), S. 76)

Unter den Brüdern der Geliebten des Schinderhannes war der Dritte ein gallichter, fachzorniger Junge, der Vicklem mit bitterm, unversöhnlichem Hasse haßte. Seidem Schinderhanns nicht mehr dergefürchtete Räuberhauptmann war, derüberein kleines Heer furchtbarer Menschen gebot, hatte derselbe diesen Haß, den er sonst mühsam unterdrückte, beyjedär Gelegenheit offen geäußert. Es war zu mancherley unartigen Auftritten zwischen ihm und Vicklem gekommen, welche letzterer übrigens nicht sehr achtete, da er seinem Feinde an körperlichen Kräften überlegen war, und hierdurch sowohl als durch den Beystand seines Schwiegervaters, der immer Vicklers Parthey nahm, denselben in Respekt hielt.



Jetzt hatte aber dieser junge Mensch bey seiner Schwester über Vicklem die Fülle seines Hasses in einer Fluth von Schimpfworten ergossen, in welche er gegen diesen und sie selbst ausbrach. Da diese ihren Geliebten vertheidigte, und Schmähungen mit Schmähungen vergalt, so kam es hierüber unter beyden zu Schlägen, bey denen natürlicherweise Vicklers Geliebte als der schwächere Theil sehr den kürzem zog. Ihr Schreyen zog Vicklern herbey, der mit einem seiner Kameraden sich in der Nähe befand, und beyde prügelten den streitsüchtigen tüchtig durch. Ergrimmt bis zur Wut über diese Mißhandlung eilte derselbe nach Kreuznach, und zeigte dem dortigen Friedensrichter den Aufenthalt des Schinderhanns an.
Von ihm angeführt, erschienen am andern Morgen die Gendarmen, und nur mit der äußersten Mühe gelang es Vicklem und seinen Kameraden, denselben zu entgehen, und sich in einem hohlen Baume zu verbergen, in welchem sie zwey Tage lang verborgen blieben, bis Vicklers Schwiegervater sie benachrichtigte, daß die Gefahr vorüber sey, und die Polizeywache zurückgekehrt wäre. - Der Bruder der Geliebten des Vicklers, der alle Ursache hatte, sich nach dieser mißlungenen Verrätherey nicht mehr vor Schinderhanns sehen zu lassen, entfloh mit der Polizeywache und eilte nach Frankfurt, um dort sich unter die kaiserlichen Truppen anwerben zu lassen.
Dorthin wanderten nun auch Schinderhanns mit seinen Gefährten und ihren Weibern. Zum Unglücke für diese stießen sie in der Gegend von Höchst auf einige Mainzer Husaren, welchen sie auf einem Seitenwege zu entgehen suchten. Sie lagerten des Abends auf einer Mühle zwey Stunden von Frankfurt. Wären sie an demselben Tage noch in diese Stadt gegangen, so wäre wahrscheinlich ihre Verhaftung noch jetzt nicht erfolgt, und es gehört unter die augenscheinlichen Fügungen des Himmels, daß die Furcht vor den Husaren sie von dem graden Wege abbrachte, auf welchem sie gemächlich noch vorAbend Frankfurt erreicht haben würden. Auf den andern Morgen war von den Kur- und Oberrheinischen Kreisen ein allgemeiner Streifzug bestimmt, die Mühle, in der sich Schinderhanns befand, ward von einer Streifparthie durchsucht, und die verdächtigen Reisenden, die keinen Paß aufzeigen konnten, arretirt. Schinderhanns, der wohl wußte, daß er es in keinem Falle auf irgend eine Untersuchung ankommen lassen durfte, gab an, daß sie vom jenseitigen Rheinuferherübergereisetseyn, um sich bey dem kaiserlichen Werbekommando in Frankfurt anwerben zu lassen, an welches dieselben sofort, da sie blos verdächtig waren, abgeliefert warden.
Als Vickler in das Werbhaus eintrat, fiel sein erster Blick auf den entflohenen Bruder seiner Geliebten, der sich bereits als Rekrut daselbst befand. Dieser hatte nicht sobald die neuangekommenen erkannt, als er dem Werbekommando den Fang entdeckte. Schinderhanns ward hierauf mit seinen beyden Konsorten gefesselt, und dem Magiübergeben, von welchem sie nach desfalls mit dem Regierungskommissaire zu Mainz gepflogener Kommunikation nach Mainz abgeliefert warden, wo sie jetzt von einem hierzu konstituirten Militairgerichte ihr Urtheil erwarten.
Vickler ist ein wohlgebauter, junger Mann von einigen zwanzig Jahren. Sein nervigter Körperbau zeigt von der ihm eignen Stärke. In seinem Gesichte widerspricht ein gewisser Zug von Schwermuth der Jovialität, die noch überall sichtbar leserlich ist. Er hat nicht das wilde Aussehen seines Standes, und niemand würde in ihm den berüchtigten Anführer der Räuber und Mörder erkennen. Die ihm natürliche Gutherzigist über sein ganzes Wesen verbreitet. Seine Kleidung ist schön und sogar modern, sein Anstand ordentlich, nicht bäurisch. Auch im Gefängnisse verläßt ihn die ihm eigne Munterkeit nicht, in den Unterredungen, die er mit den häufig ihn besuchenden Fremden, unter denen sich einigemal Personen von hohem Range befanden, in Gegenwart eines öffentlichen Beamten hält, zeigt er Bescheidenheit und Verstand. Er äußert nicht die geringste Besorgniß wegen derZukunft, und ergiebtsich mit Standhafund Ruhe der Seele in sein Schicksal. Offen und ohne Umschweife beantwortet er seinen Richtern jede Frage, und erzählt mit Freymüthigkeit seinen ganzen Wandel. Mit Recht sagt er dabey, daß blos das Schicksal und eine Kette von ungünstigen Umständen ihn auf die Bahn geworfen habe, auf dererjetzt im Gefängnisse stille stehe.

Die genaueste, zuverlässigste, aber doch auch noch parteiischste Darstellung der Gefangennahme des Schinderhannes am 31. 5. 1802 bei Wolfenhausen mit der Benennung nun des Namens des Dorfs, ist die bei den oben genannten Büchern in der "Actenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beiden Ufern des Rheins“; der hier wiedergegebene Text ist im Kleingedruckten eine Anmerkung von Keil, dem öffentlichen Ankläger im französischen Roer-Departement, mit „K.“ gekennzeichnet (Zit. nach Die deutschen Räuberbanden 11, S. 85 (oberes Drittel) - S. 87 (unteres Drittel).

Schinderhannes hatte um diese Zeit seinen letzten Streifzug auf dem linken Rheinufer gemacht Die tätigen und zweckmäßigen Anstalten, welche damals Jeanbon St. Andre traf, und besonders die ganz genaue Kenntnis, welche der öffentliche Ankläger im Roer-Departement, Br. Keil, sich durch mehrjährige rastlose Arbeit von den geheimen Verhältnissen des Räubers auf dem rechten Rheinufer verschafft hatte, machte dem Unwesen auf einmal ein Ende. Keil machte damals eine eigene Reise in die benachbarten deutschen Staaten, um die dortigen Behörden über die Schlupfwinkel und Verbindungen der Räuberbanden zu belehren. Wie mußte man erstaunt sein, einen fremden Mann so unterrichtet sprechen zu hören! Von Dingen sprechen zu hören, von denen man dort nicht einmal eine Idee hatte. Der Verfasser dieser Geschichte konferierte damals mit dem Br. Keil in Bingen über verschiedene Zweige dieses Geschäftes, wobei Br. Keil der Meinung war, daß Schinderhannes nur auf dem rechten Rheinufer gefangen werden könne. Der Erfolg hat diese Meinung vollkommen gerechtfertigt.
Wir glauben die Geschichte der Gefangennehmung des Schinderhannes hier etwas umständlich anführen zu müssen, weil dem Publikum so viel Unwahres hierüber mitgeteilt worden ist. Man verdankt dieses wichtige Ereignis den vortrefflichen Maßrewelche Jeanbon St. Andre genommen hatte. Schinderhannes, auf dem linken Rheinufer sehr in die Enge getrieben, hatte es für notwendig gefunden, sich in seine Schlupfwinkel des rechten Rheinufers zurückzuziehen. Jeanbon St. Andre hatte von uns einen ausführlichen Bericht über den Zustand der Polizei in den angrenzenden deutschen Ländern gefordert, wir sagten in demselben die Wahrheit, die ganze reine Wahrheit, die strafbare Schläfrigkeit manches deutschen Beamten wurde gerügt, und die Verbindungen des Schinderhannes und der großen Räuberbande in Deutschland wurden bestimmt bezeichnet. Dieser Bericht wurde der französischen Regierung vorgelegt und unsere Mission in Deutschland beschlossen. Der Minister der auswärAngelegenheiten trug dem Residenten derRepublikin Frankfurtauf, in einerNote die benachbarten Reichskreise einzuladen, uns mit allen ihren Kräften während unserer Sendung zu unterstützen. Diese Note, welche bittere Vorwürfe enthielt, in welcher aber auch einige Punkte unseres Berichtes etwas unrichtig ausgezogen (wiedergegeben) waren, machte große Sensation in Deutschland, an die untergeordBeamten ergingen die strengsten Befehle in betreff der Streifzüge und der Aufsicht über das herumziehende Gesindel. - Die Räubereien zu Hundsangen, Daisbach, Breitemu, Hilischeid und Würges hatten zwar die Konvention von Wetzlar vom 28. Januar 1801 veranlaßt, aber es schien, als wenn die heilsamen in diesem Akte verabredeten Maßregeln nicht mehr pünktlich ausgeführt würden. Obige Note gab denselben wieder neues Leben. In den Rheinwurden wiederbeinahe alle Tage sowohl einzelne als allgemeine Streifzüge vorgenommen.
Den 31. Mai 1802 (11. Prairial J.X.) durchstreifte Herr Fuchs, Khurtrierischer Hof und Amtsverwalter zu Limburg an der Lahn, ein äußerst tätiger Beamter, morgens bei Tagesanbruch mit einem Kommando von Niederselters aus die Gegend von Hausen, Eisenbach und Haintchen. Als er ungefähr noch eine Viertelstunde von Wolfenhausen war, sah er 300 Schritte links neben der Straße einen Menschen aus einem Kornfeld herausgehen, derihm fremd zu sein schien. Erbetrachtet ihn aus dieser Entfernung, läßt das Kommando halten, nimmt den Stadtmüller von Niederselters mit sich und reitet auf den fremden Menschen zu. Er nähert sich ihm bis auf zehn Schritte, winkt ihm heranzukommen. Der Fremde folgt mit Anstand. Er war gut gekleidet, hatte einen runden Hut auf, die vorderen Haare hingen die Stirn herab bis auf die Augen, die hinteren Haare waren in einem kurz gestutzten Zopfgebunden, der Backenbart liefihm von den Ohren unter dem Kinn bis an den Hals fort. - Er trug ein mehr gräuliches als hellblaues kurzes Kamisol (Wams, Unterjacke), lange schließende Hosen von hellTuch mit weißen runden Köpfen, zwischen den Beinen-mit schwarzem Leder ausgeschlagen, Schuhe und eine schwarze Fuhrmannspeitsche mit rotem Leder am Stiel gestickt. - Herr Fuchs fragte den Fremden, wo er her wäre und was er hier zu tun hätte; erantwortete, ersei aus der Weilbach und wolle zu Wolfenhausen Ziegel kaufen, dort oben, auf einen Ort hinzeigend, habe er seine Fuhr stehen. „Wenn Ihr Ziegel in Wolfenhausen habt kaufen wollen`; erwiderte ihm der Amtsverwalter, „so wird Euch auch derZieglerkennen, kommtalso mit, und wenn derZieglerEuch kennt, so entlasse ich Euch wieder“. Hierüber wurde der Fremde etwas betroffen, aber noch betroffener wurde er, als Herr Fuchs ihn um seinen Paß fragte. „ich habe keinen nötig, weil ich in dieser Gegend zu Hause bin“ war seine Antwort. Der Amtsverwalter faßte ihn hierbei scharf ins Auge, merkte deutlich seine Verlegenheit, ergriff ihn mit dem Standtmüller unter dem Ausruf-„ Ihrseid ein Spitzbube‘, und übergab solchen dem aufsie wartenden Streifkommando. Kaum war der Gefangene bei demselben angelangt, so zog er eine gelbe Tabatiere heraus und präsentierte den Soldaten öfters Tabak, und nahe an Wolfenhausen sagte er leise zu einem derselben: „ Wenn du mich entspringen läßt, so gebe ich dir ein gutes Trinkgeld. „ Dieser aber antwortete: „Es hilft dir nichts, wenn ich dir Luft mache, dann alle meine Kameraden haben scharfgeladen. „ Der Fremde wurde nun nach Wolfenhausen geführt, wo sich der Wiedrunklische Leutnant mit seinem Streifkommando befand, dieser erkannte den Gefangenen für denselben, der ihm kurz vorher entsprungen war; er verlangte daher und erhielt die Überlieferung desselben. Der Leutnant ließ ihn binden und nach Runkei führen, wo der Fremde sich unter dem Namen Jakob Schweikard bei einem kaiserlichen Werber hat engagieren lassen; dieses Los hätte ihn vielleicht ohnehin nach dem 10. Art. der Konvention von Wetzlar getroffen.
Als Jakob Schweikard schon einige Tage in dem kaiserlichen Werbhaus zu Limburg, wohin er von Runkeiabgeführt worden, bewacht und nicht mehralsjederandere Rekrut eingeschränkt war, entdeckte am 8. Juni (19. Prairial) Johann Adam Zervas aus der langen Hecke (ein Ort, wo sich immer Raubgesindel aufzuhalten pflegte) dem AmtsFuchs, daß der Jakob Schweikard der berüchtigte Schinderhannes sei, der Vertraute rietzu gleicherZeit, seinen Bruder, den Rekruten Johann Georg Zervas und dessen Beischläferin, die sogenannte Liesel, Schwester des schwarzen Christian Reinhard, der gleichfalls Rekrut war, über die Person des Jakob Schweikard zu vernehmen. Herr Fuchs und der kaiserliche Hauptmann Schäfer vernahmen diese zwei Personen über diese wichtige Entdeckung. Die Angabe des Adam Zervas wurde bestätigt, und als man noch das Signalement des Schinderhannes, welches wir in den Kölnischen Beobachter nebst Notizen über denselben hatten einrücken lassen, dieses Blatt in der Hand, mit der Person des Jakob Schweikard verglich und jenes sehr genau auf den Rekruten paßte, so war man überzeugt, den berüchtigten Räuberzu besitzen. Man trafnun sogleich alle Anstalten, um seine Entweichung unmöglich zu machen. Der verkappte Schweikard wurde unter dem Vorwand geschlossen (in Ketten gelegt), daß er desto sicherer in das Werbhaus nach Frankfurt gebracht werden könnte. Man ließ auch noch den Rekruten Ebel schließen, um den ersten nicht auf den Gedanken zu bringen, daß er erkannt wäre. Schweikard glaubte, der Hauptmann befürchte seine Desertion; er bot ihm daherzur Sicherheit einen Gürtel mit Geld an, den er um den Leib trug und in welchem sich hundert und einige Gulden befanden. Allein dies Anerbieten wurde nicht angenommen. Während man ihm die Ketten anlegte, fragte er, ob auch der schwarze Christian geschlossen würde, und als man ihm diese Frage mit Nein beantwortete, brach er in ein lautes Gelächter aus. Der schwarze Christian wurde gleichwohl noch denselben Abend in Ketten gelegt, der Rekrut Ebel aber entfesselt. Den 10. Juni (21. Prairial) wurde Schinderhannes nebst anderen Rekruten unter Begleitung des khurtrierischen Militärs und mehrerer Limburger Jagdliebhaber nach Wiesbaden transportiert. Als er zu Kirberg ankam, wurde er fester an seinen Kameraden schwarzen Christian, angeschlossen, bei welcher Operation dieser letztere sehr tumultierte. Schinderhannes blickte gedankenvoll untersich und sprach nurseiten etwas; nur als einer der Limburger Freiwilligen, der Handelsmann Verhofer, sich vor ihm hinstelle und ihm starr ins Gesicht sah, wurde er unwillig und fragte denselben mit festem Ton: „Herr! Bin ich Ihm etwas schuldig, daß Er mir so ins Gesicht schaut?“
Auf der sogenannten Platte, eine Stunde vor Wiesbaden, nahm eine Kompanie Jäger den Transport in Empfang. In Wiesbaden bot die Beischläferin des Schinderhannes dem kaiserlichen Feldwebel Wagner drei Caroline an, um ihren Mann nicht durch Kassel-Mainz (Mainz-Kastei) zu transportieren. Schinderhannes selbst bemerkte, er habe eine große Furcht vor den Franzosen, von denen gewiß einige in Kassel sein würden. Als unser Held von Wiesbaden abgeführt wurde, rief er im tiefsten Schmerz aus: „ 0 weh! Nun bin ich verloren!“ Der an ihm geschlossene Christian sang aber laut. „ Ha! Ha! Haben wir dich einmal!“
Den 12. Juni (22. Prairial) kam Schinderhannes in dem kaiserlichen Werbhaus zu Frankfurt an, den 14. wurde er in Begleitung von mehr als zwanzig Soldaten auf das Kriminalamt gebracht, wo er seinen wahren Namen und einen großen Teil seiner Verbrechen sogleich eingestand und nur bat, ihn nicht auf das linke Rheinufer auszuliefern. Allein der Frankfurter Magistrat übergab ihn den 16. Juni morgens um vier Uhr den französischen Gendarmen, die ihn nach Mainz transportierten. Mit Schindersaßen auf dem Wagen seine Maitresse, der schwarze Christian, ein Jude von Rödelheim namensAmschel und derberüchtigte Räuber Fetzer. An dem Wagen wollte das eine Rad unterwegs nicht mehr fort. Es stockte. „Sieh doch, Kamerad!“ sagte Fetzer. „ So ist es auch mit unserm Lebensrad, mir dünkt, es ist ins Stocken geraten und will nicht mehr fort. „-„Geh, Geh ”, antwortete Schinderhannes, „ was wird‘s viel sein; mit sechs, achtJahren Galeere hoff ich durchzukommen.“- „Ich nicht“, erwiderte dertiefer blickende Fetzer, „ich glaube, es geht uns beiden um den Kopf. „

Schinderhannes kam am 27. Prairial in Mainz an, wo er anfangs dem Direktor der Geschworenen und bald drauf dem Spezialgericht übergeben wurde. Seine Bekenntnisse, von denen weiter unten die Rede sein wird, veranlaßten eine Menge Verhaftungen von Leuten aus allerhand Ständen.
In diesem Zusammenhang sei schließlich dem Angeklagten das letzte Wort gegeben „über seine Verhaftung im ‘Runkelischen bei einem ‚Markt‘ namens Wolfertshausen‘ (?)“ - wir zitieren die Aussage aus dem Verhörprotokoll in Frankfurt (Schinderhannes. Kriminalgeschichte, a. a. 0., S. 74 unten und S. 75 oben)


Zeitgenössischer Holzschnitt der Hinrichtung des Johannes Bückler.

Aussage Johannes Bückler:

Seit einem halben Jahre hätte er die Absicht gehabt, ein ordentliches Leben zu führen, weil er eingesehen, daß es auf diesem Wege ferner kein gut thue, weßhalb er denn auch den Entschluß gefaßt, sich bei den Kaiserlichen zu engagiren, womit es folgende Bewandtniß habe:
Er wäre nämlich vor einiger Zeit mit seinen Waaren willens gewesen, im Runkelischen einen Marktzu besuchen, weil erabereinen alten Paß gehabt, so hätte man ihn mit dem Bedrohen fortgewiesen, sich bei Strafe arretirt zu werden, nicht mehr sehen zu lassen. Wie er nun dieses neuerlich doch wieder gethan und mit seinen Waaren den Markt zu Wolfertshausen besuchen wollen, so wäre er wiederum erkannt, ... und als Arrestant nach Runkel geführt worden, woselbst er erklärt, daß er einem Kaiserlichen übergeben und von diesem nach Limburg, endlich aber hierher (nach Frankfurt) transportirt worden. Das bei sich gehabte Pferd und Waagen samt seinen Waaren wären von dem Beamten in Runckel versteigert, und ihm das daraus erlöste Geld zugestellt worden, so ihm die Kaiserlichen abgenommen.


In dem Verhörprotokoll aus Mainz in dem Schlußwort des Angeklagten lautet die Zusammenfassung so (zit. nach Mathy, Der Schinderhannes, a. a. 0., S. 158 unten und S. 159 oben):

Nach der Geschichte zu Ozweiler gieng ich für das erstemal über den Rhein; ich machte auf dem andern Ufer die Bekanntschaft der Diebe von der Niederländer Band und andrer Leute dieses Schlags.
Ich trieb das Geoverb eines Markt-Krämers unter dem Namen Jakob Ofenloch, längs der Bergstraße in der Wetterau an der Lahn und in dem Bezirk dem sogenannten Maingrund; ich verkaufte allda die Waaren, welche ich auf dem linken Rhein-Ufer raubte und kaufte deren noch von Zeit zu Zeit in Frankfurth; als aber meine Gelder erschöpft waren, kam ich aufdas linke Rhein-Uferzurük, um mir frische zu verschaffen. Ich bekenne, daß ich Strafe für alte diese Verbrechen verdient habe; aberman wird mir doch keine Grausamkeit vorwerfen können, und wann meine Mitschuldigen deren begangen haben, so that ich alles was von mir abhieng, um sie davon abzuhalten.
Lange Zeit nährte ich schon die Hofnung in mir, dieses schimpfliche Leben endlich zu verlassen, und Bürger Lichtenberger, Inspector der Salinen in Münster, wird bescheikönnen, daß ich mich an ihn gewendethabe, um zu wissen, ob kein Mittel fürmich wäre, in die menschliche Gesellschaft zurükzukehren. Als ich sahe, daß mir alle Hofnung zur Rükkehr untersagt war, so war mein Vorsaz, das linke Rhein-Ufer zu verlassen und mich in Deutschland anwerben zu lassen. Um dieses Vorhaben zu bewerkstelligen, begab ich mich wirklich auf das rechte Ufer,- Ich wollte mich von meinen Waaren machen und sie in dem Runkelschen Lande verkaufen; ich wurde hinausgeführt; ich kehrte wieder dahin zurük,« man hielt mich an, und bei dieser Gelegenheit erklärte ich meinen Willen unter den kaiserlichen Truppen zu dienen. Man übergab mich den in Limburg gelegenen kaiserlichen Werbern; es endekte jemand meinen wirklichen Namen, man führte mich nach Frankfurt, da gestand ich werich war, und dieses veranlaßte meine Auslieferung an die Französischen Behörden.
In dem aufrichtigen Geständniß meiner Verbrechen ersah ich das einzige Mittel, selbige in soweit es von mir abhieng, auszusöhnen, und die Uebel, welche ich der Gesellschaft zugeführt habe, zu verbessern; ich überlasse denjenigen, die mich umheilen werden, zu erwägen, ob ich dieser Verbindlichkeit, welche ich mir aufgelegt, erfüllt habe; und welches auch mein Schiksal seyn mag, ich werde mich ihm mit Standhaftigkeit unterziehen; nur zu unglüklich, wenn es mir nicht mehr erlaubt ist, der Gesellschaftdurch rechtschaffene Handlungen UnterpfänderderAufrichtigkeit meiner Reue geben zu können.



Aus dem Buch: Wolfenhausen - Ein Dorf und seine Leute - zur 800-Jahrfeier -

ersch. 1993 im BRÜN-Verlag Dr. R. Gorenflo  ISBN 3-926759-31-3

In den Zitaten der zeitgenössischen Texte, wurde die damalige Schreibweise beibehalten.




 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü